DGB in Göttingen macht digitalen Wandel greifbar

Agnieszka Zimowska (Geschäftsführerin der DGB-Region Südniedersachsen-Harz) hat eine Veranstaltungsreihe zum digitalen Wandel ins Leben gerufen

Schon 2016 kam Agnieszka Zimowska (Foto), mittlerweile Geschäftsführerin der DGB-Region Südniedersachsen-Harz, die Idee einer Veranstaltungsreihe zum digitalen Wandel. Sie wollte herausfinden: Was bewegt die Menschen im Zeitalter der Digitalisierung, welche Probleme und Chancen sehen sie? Den richtigen Rahmen bot dann der Zukunftsdialog des DGB, der die Menschen bei ihren Fragen und Sorgen rund um Arbeits- und Lebenswelt abholt. "Wir müssen mitgestalten und den digitalen Wandel nicht einfach über uns kommen lassen, sonst verlieren wir 150 Jahre gewerkschaftliche Mitbestimmungsfähigkeit", ist Zimowska sicher. "Wir dürfen uns nicht von unseren Ängsten bestimmen lassen, denn die politischen Profiteure sitzen schon in den Startlöchern." Bei jeder technischen Revolution, ob Druckmaschine, Webstuhl oder Fließband, habe es immer Angst vor der Allmacht der Technik und der Ohnmacht der Menschen gegeben. Doch die Menschen hätten immer Möglichkeiten zur Gestaltung des Wandels gefunden, gerade auch die Gewerkschaften. Auch heute besäßen sie natürlich nicht alle Antworten, aber sie könnten neue Chancen und Wege aufzeigen. Genau darum geht es bei den Veranstaltungen.

Veranstaltungsreihe "dabei.digital.nachhaltig.sozial"

Zimowska war klar, dass sie eine solche Veranstaltungsreihe nicht allein gestalten konnte, und suchte nach Mitstreitenden. 2018 traf sie Dr. Petra F. Köster, die neue Regionalleiterin der vom DGB und den Volkshochschulen getragenen Bildungseinrichtung "Arbeit und Leben Niedersachsen". Der Funke zündete: "Manchmal braucht man einfach die richtige Kooperationspartnerin, um ein Projekt zu starten", sagt Zimowska. Der Dritte im Bunde wurde Frank Mußmann, Leiter der Kooperationsstelle Hochschule und Gewerkschaft in Göttingen. Gemeinsam konzipierten sie die Reihe "dabei.digital.nachhaltig.sozial" im Rahmen des Zukunftsdialogs. Köster und Zimowska bewerben die Veranstaltungen verstärkt in den sozialen Netzwerken. Dass schon bei der Einladung auf professionelle Videoclips gesetzt wird, wie sie es tun, ist noch kein Standard im DGB. Der Zukunftsdialog gibt auch hier Raum, neue Wege zu gehen.

Agnieszka Zimowska, 44, war acht Jahre Organisationssekretärin des DGB in der Region Südniedersachsen-Harz, bevor sie im September 2019 die Geschäftsführung übernahm. Die studierte Kultur- und Sozialwissenschaftlerin interessiert sich sehr für gesellschaftspolitische und kulturelle Entwicklungen, schaut gern über den Tellerrand. In Göttingen ist sie gut in Kultur und Hochschule vernetzt, zugleich befinden sich drei ihrer vier Kreisverbände auf dem Land und vermitteln ihr noch einmal ganz andere Perspektiven.

Spannende Formate an unkonventionellen Orten

An den sechs Abenden der Veranstaltungsreihe werden ganz verschiedene Themen angesprochen: Mitbestimmung im Netz, Roboter in der Pflege, Digitalisierung der Bildung, Shopping und Banking im Internet, Burn-out und ständige Verfügbarkeit. Bei jedem Thema wird geschaut: Wie können Gewerkschaften hier die Situation verbessern? Dabei ist es Zimowska besonders wichtig, in den Dialog zu kommen und neue Formate für Gespräche zu finden, an denen sich das Publikum stärker beteiligen kann als sonst üblich. Nur so könne man die Digitalisierung auch greifbar machen. Zu ihren Talkrunden lädt sie spannende Gäste an unkonventionelle oder neue Orte ein, die die Menschen auch nach Feierabend noch locken. Jedes Mal gibt es andere Kooperationspartner, und eine andere Gewerkschaft stellt die Expertinnen und Experten. Als Förderer konnte Zimowska die Hans-Böckler-Stiftung und die Allianz für Nachhaltigkeit im Land Niedersachsen gewinnen. Alle Teilnehmenden sind eingeladen, ihre Smartphones mitzubringen und sich im Chat oder über eine Abstimmungs-App zu beteiligen. Zudem begleitet ein Filmteam die Veranstaltungen. Alle Interessierten können sich anschließend die Clips auf YouTube anschauen.

"Wir müssen anders mit den Menschen ins Gespräch kommen."

Die erste Veranstaltung fand kurz vor der Europawahl im Jungen Theater Göttingen statt. Das Thema lautete "Shitstorm oder Debatte – Bringt die Digitalisierung mehr Mitsprache?". Als Gewerkschaftsexpertin war Christina Domm vom Gesamtpersonalrat der Deutschen Rentenversicherung dabei. Das Publikum war bunt gemischt, und zur allgemeinen Überraschung outete sich sogar ein Teilnehmer als Troll: Ein Störenfried, der gewöhnlich nur anonym im Netz agiert, stand plötzlich real im Raum inmitten der Teilnehmenden. Zu Beginn konnte er noch mitdiskutieren, musste aber den Raum verlassen, als er die Veranstaltung störte. Es folgte eine produktive Debatte mit vielen Fragen und Erfahrungsberichten aus dem Publikum. Wie gefährlich ist es, im Netz seine Meinung zu äußern? Was macht Hassrede mit uns? Gibt es auch Chancen für demokratische Prozesse im Netz?

Im September fand die Talkrunde "Holodeck statt Klassenraum?" in einer digitalen Vorzeige-Schule statt. Mit dabei war Thomas Dornhoff von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Schulhauptpersonalrat Niedersachsen. Im Zentrum der Debatte standen die Fragen: Wird Bildung jetzt total digital? Wie müssen sich Lehrende weiterbilden? Wie lernen wir für die Digitalisierung? 

In der Veranstaltung im Oktober ging es mit „Cyborgs und Pflegebots“ um die Situation in der Pflege.

Videos der Veranstaltungsreihe


>> Alle Termine der Veranstaltungsreihe

>> Diskutiere mit, wie wir die Digitalisierung gestalten können.

 

Foto: DGB/Gordon Welters