Queer in Niederbayern sorgt seit einem Jahr für Sichtbarkeit und streitet für Rechte queerer Menschen

Marlene Schönberger und Herbert Lohmeyer im Insta-Live-Gespräch mit Kathrin Biegner

Im Juni 2019 wurde der Verein Queer in Niederbayern auch mit Unterstützung der DGB-Region Niederbayern gegründet. Ein Projekt, das den Geist des Zukunftsdialogs lebt: Gewerkschafter/innen und andere Bürger/innen haben sich zusammengetan, weitere starke Partner ins Boot geholt und gemeinsam die erste Anlaufstelle für queere Menschen in der niederbayerischen Provinz gegründet, also für Menschen, die also nicht heterosexuell sind oder die inter- bzw. transsexuell sind. So trägt der Verein dazu bei, die Lebens- und Arbeitswelt vor Ort zu verbessern: eines der Ziele des DGB-Zukunftsdialogs.

Eine der Vorsitzenden des Vereins ist Marlene Schönberger, die auch Mitglied des DGB-Kreisverbands Dingolfing-Landau ist. Neben ihr ist Herbert Lohmeyer Vorsitzender. In einer Live-Sendung auf Instagram haben wir mit den beiden über das erste Jahr von Queer in Niederbayern gesprochen. Schaut euch das spannende Gespräch noch einmal komplett an. Oder lest hier die Highlights des Interviews.

Im Folgenden handelt es sich um Ausschnitte aus dem Gespräch. 

Was will Queer in Niederbayern ändern?

Marlene: Queere Menschen erfahren nach wie vor weltweit – aber eben auch in Niederbayern – Hass, Gewalt  und Diskriminierungen.

Eine Studie der Grünen-Landtagsfraktion zeigt, dass es queere Menschen im ländlichen Raum besonders schwer haben. Gerade jungen Menschen bleiben oft nur zwei Alternativen: versteckt zu leben oder in die Großstadt zu ziehen. Und das wollen wir durchbrechen, indem wir für Sichtbarkeit sorgen und für die Rechte von queeren Menschen streiten. 

Was waren bisher eure größten Erfolge?

Herbert: Unser größter Erfolg war gleich zu Anfang der Wahnsinns-CSD in Landshut, der alle unsere Erwartungen übertroffen hat. Im Vorfeld hatten wir mit 300 bis 500 Teilnehmenden gerechnet. Aber bei der Kundgebung und dem Fest waren tatsächlich um die 5.000 Menschen.

Natürlich ist es auch ein ganz großer Erfolg, dass sich mittlerweile Jugendgruppen in Landshut und Straubing gegründet haben.

Marlene: Wir sind auch selbst überrascht, wie viele Mitglieder wir bereits haben: rund 130.

Herbert: Es gibt keinen einzigen Landkreis in Niederbayern mehr, in dem wir keine Mitglieder haben! 

Wurdet ihr wegen eures Engagements auch angegriffen?

Marlene: Ich musste schon einige Male Angriffe erleben. Linke und junge Frauen, die politisch aktiv sind, erfahren das leider sehr oft. Im Vorfeld des CSDs habe ich E-Mails bekommen mit unsäglichen, detaillierten, absolut brutalen Vergewaltigungsfantasien und Mordfantasien. Auch mit Fotomontagen. Die E-Mails waren so schrecklich, dass man es sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Ich bin damit natürlich auch zur Polizei gegangen. Und auch die Polizei war schockiert. Doch jetzt wurde das Verfahren eingestellt, da der Täter nicht ermittelt werden konnte. 

Trotz dieser furchtbaren Angriffe habt ihr weitergemacht. An was arbeitet ihr aktuell?

Marlene: Wir produzieren zum Beispiel Mundschütze mit unserem Logo. Denn eigentlich wäre jetzt der CSD-Monat, doch wegen der Corona-Pandemie können keine CSDs stattfinden. Deshalb müssen wir andere Wege finden, um für Sichtbarkeit zu sorgen.

Ein weiteres Projekt ist die Verlegung von Stolpersteinen für queere Opfer im Nationalsozialismus. Da sind wir gerade daran, Informationen einzuholen von Leuten, die dazu forschen. Und da können wir dranbleiben trotz Corona.

Und ein weiterer Plan, den wir bald anpacken wollen, sind Bildungsveranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer

Herbert: Wir wollen mittelfristig auch selbst auf Einladung in Schulen gehen und für diesen Einsatz unsere jüngeren Mitglieder schulen.

Außerdem arbeiten wir an einem Stammtisch für Eltern queerer Jugendlicher. Denn wenn sich Jugendliche zuhause outen, ist es so, dass Eltern ganz, ganz viele Fragen haben, die die Kinder natürlich nicht beantworten können. Bei einem Stammtisch könnten sie sich mit Leuten von uns und mit anderen Eltern, die in der gleichen Situation sind, austauschen. So ein Angebot wurde schon öfter angefragt.

Außerdem möchten wir anstoßen, dass Wohnmöglichkeiten für queere Geflüchtete geschaffen werden. Der Bezirk Niederbayern ist an uns herangetreten und hat uns um Beratung im Umgang mit queeren Geflüchteten gebeten.  

Was sind eure Tipps für Menschen, die etwas Ähnliches anpacken wollen?

Marlene: Wichtig ist es, Träume zu verwirklichen. Wir hatten die Überzeugung, Landshut braucht einen CSD und haben überlegt, wie machen wir das am besten anpacken. Dabei sind wir auf die Vereinsgründung gekommen.

Und dann haben wir uns Verbündete gesucht: Leute, die Lust hatten, mitzumachen, Parteien, starken Partner wie den DGB – und dann einfach angefangen.  Ich glaube, man muss einfach anfangen und aktiv werden und dann lösen sich Hürden, die man im Kopf hatte. Also kurz gesagt: Verbündete suchen, Mut haben und anfangen!

Herbert: Wichtig ist auch, dass man ein Team hat, in dem man sich aufeinander verlassen kann.  Wer auch eine Anlaufstelle für queere Menschen gründen will und Fragen hat, kann sich gerne an uns wenden!

 

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