"1989 und 1990 waren zwei Jahre, da haben wir so viel erlebt wie sonst in 20 Jahren nicht"

Ralf Hron im Gespräch

Ralf Hron saß 1990 am zentralen "Runden Tisch" der Jugend, weil er etwas tun wollte, auch wegen der Unruhen in den Betrieben. Heute ist er in Chemnitz Regionsgeschäftsführer des DGB Südwestsachsen und setzt sich immer noch dafür ein, dass die Menschen nicht zurück bleiben in Transformationsprozessen. Wir sprachen mit ihm anlässlich des 30. Jahrestags der Wiedervereinigung über sein Leben und bewegte Zeiten. 

Wofür habt ihr euch als Gewerkschaften damals vor allem eingesetzt?

Wir haben massiv gekämpft, dass industrielle Kerne in Ostdeutschland und Arbeitsplätze erhalten bleiben und für unendlich viele Lösungen für die entlassenen Beschäftigten. Der Erhalt industrieller Produktion mit einer beeindruckenden Forschungslandschaft drum herum wurde später der wesentliche Grund für den heutigen wirtschaftlichen Erfolg. Das war ein entscheidender und wichtiger Schritt, warum man insgesamt sicher ein positives Fazit der Einheit ziehen kann. Daran waren Gewerkschaften ganz wesentlich beteiligt. 

Welche Veränderungen und Probleme gab es bei der Wiedervereinigung?

Das war eine echte Vakuumzeit. Es gab unendlich viele neue Möglichkeiten, alles war neu und es war noch unklar, was kommen wird. Es gab radikale Änderungen, finanziell und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Das eher kollektiv geprägte DDR-Leben wurde abgelöst vom individualistischen Leben des Einzelnen. Manche sagen, von Gemeinschaft zu Ellenbogen. 

Nachdem die Einigung beschlossen war, waren alle DDR-Betriebe von den Märkten abgeschnitten. Von heute auf morgen. Das ist unvorstellbar, das ist quasi die Stunde Null. Und daneben gab es den Partner BRD, der wirtschaftlich extrem stark war. Mit einer einfachen Ausweitung der Produktion im Westen konnten sie 16 Millionen Ostdeutsche quasi ohne Probleme mit ernähren. Die brauchten den Osten de facto nicht. Das haben manche Spesenritter die Ostler auch spüren lassen. Nicht nur die Märkte für Ostprodukte brachen zusammen, fast alle Dinge und sehr viele Erfahrungen waren praktisch nichts, oder wesentlich weniger wert. 

Die Ostdeutschen waren offen und neugierig ohne Ende, offen bis zur Blauäugigkeit. Aus dem Westen haben viele mit uns gekämpft wie die Weltmeister. Aber es gab auch die Glücksritter, die mit „Buschzulage“ hier rüber kamen. 

Zwei von drei Arbeitsplätzen in der Industrie fielen weg. Was genau ist da passiert?

1990 war der Kapitalismus dann plötzlich da. Jetzt roch er nicht nur gut. Man konnte alles kaufen. Und dann fingen die wirtschaftlichen Probleme an. Das waren Auseinandersetzung ab 1991 über die folgenden drei bis fünf Jahre mit vielfältigen Auswirkungen bis heute. Es gab eine Deindustrialisierung und eine Arbeitslosigkeit in einem Ausmaß, das war unvorstellbar. 40 Prozent waren wechselnd arbeitslos in dieser Zeit. Auch alle, die einen Job behalten haben, waren mit radikalen Umbrüchen und Wechsel im persönlichen und betrieblichen Leben konfrontiert. Aber 40 Prozent sind auf die Straße geflogen. Das prägt sicher lange noch. Denken wir nur an die Alterssicherung. Das hat auch mit der gesamten Gesellschaft etwas gemacht. Die Entwertung sämtlicher Lebenszusammenhänge, sämtlicher Erfahrungen, persönlicher Qualifikationen, aller Dinge – das macht etwas mit den Menschen. Das ist ganz sicher ein wesentlicher Grund für das Lebensgefühl vieler Ostdeutscher. Und für das Gefühl von mangelndem Respekt gegenüber Lebensleistungen. 

Erfahrungen, Erwerbsbiografien, Erspartes – vieles war plötzlich wertlos. Was ist mit den Menschen passiert?

Diese ganze Zeit wurde noch nicht aufgearbeitet, nicht als Gesellschaft und auch nicht als DGB. Das hat mit der sogenannten Unzufriedenheit der Ostdeutschen zu tun. Unsere gesamten Erfahrungsprozesse aus der Zeit davor waren ja de facto wertlos.
Zu der Zeit waren wir allerdings nicht veränderungsmüde. Wir haben Veränderungen erlebt und gemacht, die in Westdeutschland keiner erlebt hat. 1989 und 1990 waren zwei Jahre, da haben wir so viel erlebt wie sonst in 20 Jahren nicht. Die Veränderungen sind in einem Tempo, in einem Umfang passiert, das kennt kein Westdeutscher. Ich wehre mich deshalb dagegen, wenn es heißt, die Ostdeutschen sind veränderungsmüde.
Wir haben eine Generation, die sich durchgehangelt hat. Wir haben eine Generation, die langzeitarbeitslos war. Meine Schwiegermutter zum Beispiel war mehr als 13 Jahre arbeitslos. Davor war sie eine ganz normale Arbeiterin in einem Kombinat, so wie viele, in der Lohnbuchhaltung. Nach 13 Jahren kann man doch kaum noch landen auf dem Arbeitsmarkt.
Und wir haben auch viele Menschen, die sich emporgearbeitet haben. Wir sind eine Art Überlebensgesellschaft. Viele haben sich auch aus der Not heraus selbständig gemacht und Unternehmen gegründet. Die haben mit den Beschäftigten geschuftet wie die Weltmeister. Oft jahrelang ohne Tarifbindung und nicht wenige für Billiglohn. 

Wo steht ihr heute?

Der Wohlstand und der Reichtum, der hier geschaffen wurde, der ist gegenüber DDR-Zeiten natürlich unglaublich. Die Geschichte der Einheit ist eine echte Erfolgsgeschichte. Auch eine Geschichte von sehr viel Solidarität, von vielfältiger Unterstützung aus dem Westen für den Osten. 

Das Interview in voller Länge könnt ihr hier nachlesen.

Bildergalerie (4)